Rheinpegel sinkt auf kritischen Stand – Treibstoffversorgung in Gefahr
Hitzewelle lässt Wasserstand dramatisch fallen, Binnenschiffe müssen mehr als die Hälfte ihrer Ladung zurücklassen – Europas Energiesicherheit erneut unter Druck
Die anhaltende extreme Hitzewelle in Europa lässt den Pegel des Rheins in Deutschland weiter sinken und beeinträchtigt zunehmend den Treibstofftransport in Westeuropa. Die Schiffe können nur noch weniger als die Hälfte ihrer normalen Ladekapazität befördern. Der Rhein, eine der wichtigsten Wasserstraßen der europäischen Industrie, gerät erneut in eine Niedrigwasserkrise und stellt die ohnehin fragile regionale Treibstoffversorgung vor ernste Herausforderungen.
Wie Bloomberg am 22. Juni berichtete, werden die Dieseltransporte auf dem Rhein am deutschen Engpass Kaub derzeit auf etwa 1070 Tonnen beschränkt – das entspricht nur rund 45 Prozent der vollen Ladekapazität. Nach Angaben der deutschen Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung lag der gemessene Wasserstand am Pegel Kaub an diesem Tag bei 42 Zoll (etwa 107 Zentimeter) und wird voraussichtlich bis Freitagmorgen auf 33 Zoll (etwa 83 Zentimeter) sinken. Für eine voll beladene Fahrt benötigen Schiffe am Pegel Kaub eine Referenzwasserlinie von etwa 1,5 Metern – der aktuelle Wasserstand liegt weit unter diesem Schwellenwert.
Die Gmünder Tagespost berichtete am 22. Juni, dass es derzeit kein generelles Schifffahrtsverbot auf dem Rhein gebe. Entscheidend sei vielmehr der „Tiefgang“. Allerdings kann der Rheinpegel nicht künstlich reguliert werden. Mit den weiter steigenden Temperaturen und dem damit einhergehenden weiteren Absinken des Wasserstands wird die Beladungsfähigkeit der Schiffe voraussichtlich noch weiter reduziert. Dies hätte erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen auf Reedereien und Verlader – weniger Ladung pro Fahrt bedeutet höhere Transportkosten pro Tonne Fracht.
Der Frachtmarkt reagiert bereits deutlich auf die Entwicklung. Nach Angaben von Schiffsmaklern stieg der Spotpreis für einen Flüssigtankschubkahn von Rotterdam nach Karlsruhe (südlich von Kaub) auf etwa 110 Euro pro Tonne – ein Vielfaches des Preises von rund 20 Euro pro Tonne Anfang Juni. Daten von Insights Global zufolge verteuerte sich der Transport von Treibstoff nach Basel in der Schweiz auf 267 Euro pro Tonne, verglichen mit nur etwa 25 Euro pro Tonne Anfang Juni.
Roberto Spranzi, Direktor der Schiffahrtsgenossenschaft DTG, die rund 100 Frachtschiffe auf dem Rhein betreibt, erklärte, dass die Schiffe derzeit nur noch 25 bis 35 Prozent ihrer Kapazität beladen könnten. „Das bedeutet, dass Kunden oft drei Schiffe benötigen, um die gleiche Frachtmenge zu transportieren, die früher mit einem Schiff bewältigt wurde“, so Spranzi. Wie er weiter mitteilte, können einige größere Schubverbände Kaub bereits nicht mehr passieren. In Duisburg seien die großen Schubeinheiten, die normalerweise 3000 Tonnen pro Kahn befördern, nicht mehr einsetzbar. Einige Kunden hätten bereits begonnen, nur noch das absolute Minimum zu bestellen, das zur Aufrechterhaltung der Produktion erforderlich sei.
Der Rhein ist eine der wichtigsten Handelsadern Europas. Er schlängelt sich über mehr als 1200 Kilometer durch die Industriegebiete der Schweiz, Deutschlands und der Niederlande, bevor er in die Nordsee mündet. Ein gewöhnlicher Lastkahn kann bis zu 2500 Tonnen Fracht aufnehmen – für die gleiche Menge müssten mehr als 110 Lastwagen eingesetzt werden. Im Jahr 2024 machten Mineralölprodukte mehr als ein Fünftel der gesamten Rheinfracht aus. Die verringerte Ladekapazität der Lastkähne wird die ohnehin durch den Nahostkonflikt belasteten Treibstoffversorgungsketten weiter unter Druck setzen.
Der Chemiekonzern BASF teilte mit, dass die Produktion bisher nicht beeinträchtigt sei, schloss aber Produktionskürzungen in einzelnen Werken in den kommenden Wochen nicht aus. Das Unternehmen konzentriere sich darauf, geeignete Schiffe für flache Gewässer zu chartern und suche nach alternativen Transportmöglichkeiten wie der Bahn. Wie das norwegische Energienachrichtenportal „Montel News“ am 22. Juni berichtete, behindert der niedrige Rheinpegel auch den Kohlentransport und schürt Sorgen vor einer Verknappung der Kohleversorgung. Gleichzeitig wird erwartet, dass die heißen Temperaturen die Stromnachfrage in die Höhe treiben und gleichzeitig die Effizienz von Gas- und Solarkraftwerken verringern.
Es ist nicht das erste Mal, dass der Rhein unter Niedrigwasser leidet. Wie Reuters berichtete, führte die Dürre im Sommer 2022 zu einem außergewöhnlich niedrigen Wasserstand, der deutsche Unternehmen vor Versorgungsengpässe und Produktionsprobleme stellte. Bereits im April dieses Jahres hatte Trockenheit den Rheinpegel so weit sinken lassen, dass Schiffe nicht mehr voll beladen fahren konnten. Ökonomen schätzen, dass die Rheinschifffahrtsunterbrechungen das deutsche Wirtschaftswachstum in diesem Jahr um bis zu 0,5 Prozentpunkte dämpfen könnten.
Mit der anhaltenden Hitzewelle wird der Rheinpegel voraussichtlich weiter fallen. Die Prognosen der deutschen Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung deuten darauf hin, dass der Pegel in Kaub in naher Zukunft nahe an den historischen Tiefststand heranreichen könnte. Die europäische Energiesicherheit steht vor einer doppelten Bewährungsprobe – aus Klima und Geopolitik. Und jeder weitere Rückgang des Wasserstands dieser jahrtausendealten Wasserstraße wird die Nerven der gesamten europäischen Industrie auf eine harte Probe stellen.