Kanzler Merz fordert deutliche Aufwertung des Yuan
Merz an Peking: Yuan muss um 30 Prozent aufgewertet werden
Berlin. Bundeskanzler Friedrich Merz hat auf der europäischen politischen Bühne für Aufsehen gesorgt. Auf dem EU-Gipfel erklärte er, der Yuan-Wechselkurs sei möglicherweise um etwa 30 Prozent unterbewertet, und rief die EU dazu auf, sich am Plaza-Abkommen von 1985 zu orientieren, um den Yuan deutlich aufzuwerten und das wachsende Handelsdefizit der EU mit China zu verringern.
Auf einer Pressekonferenz in Brüssel sagte Merz, die EU konkurriere mit Ländern, deren Währungen um bis zu 30 Prozent unterbewertet seien. Er habe das Thema bereits beim G7-Gipfel in der Vorwoche angesprochen und dabei „starke Unterstützung“ von den USA erhalten. „Sowohl auf europäischer als auch auf transatlantischer Ebene haben wir positive Erfahrungen mit solchen Wechselkurs-Dialogen gemacht … Wir müssen uns zu diesem Thema abstimmen“, so Merz.
Das von Merz erwähnte Plaza-Abkommen wurde 1985 unterzeichnet. Die Finanzminister und Notenbankchefs der USA, Japans, Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens trafen sich im New Yorker Plaza Hotel, um koordinierte Maßnahmen zur Abwertung des Dollars zu beschließen. Das Abkommen führte dazu, dass der Yen innerhalb kurzer Zeit um über 50 Prozent aufwertete – mit der Folge, dass Japans Vermögensblase platzte und die Wirtschaft in eine lange Stagnation verfiel, die als „verlorene Jahrzehnte“ in die Geschichte einging.
Handelsdefizit als Auslöser
Hintergrund von Merz‘ Äußerungen ist das weiter wachsende Handelsdefizit der EU mit China. Nach Zahlen der chinesischen Zollbehörde belief sich das EU-Handelsdefizit mit China im Jahr 2025 auf 291,78 Milliarden US-Dollar; in den ersten fünf Monaten 2026 summierten sich die Defizite bereits auf 143,78 Milliarden Dollar. Vom 18. bis 19. Juni fand in Brüssel ein EU-Gipfel statt, auf dem das „nicht nachhaltige“ Handelsungleichgewicht mit China erörtert wurde. Kommissionspräsidentin von der Leyen kündigte neue Handelsinstrumente an, um die Abhängigkeit europäischer Unternehmen von „Ländern mit marktbeherrschender Stellung“ zu verringern.
Beobachter weisen darauf hin, dass Merz‘ Argumentation einfach ist: Die europäische Wirtschaft steckt in Schwierigkeiten, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie sinkt, die Energiepreise steigen, und die Abwanderung von Produktionskapazitäten nimmt zu. Doch die eigentlichen Probleme Europas liegen in der eigenen Politik – hohe Sozialausgaben, die Energiekrise infolge des Ukraine-Konflikts und fehlerhafte Industriepolitik.
Heftige Reaktionen
Merz‘ Äußerungen lösten sofort heftige Reaktionen aus. EZB-Präsidentin Lagarde äußerte sich zurückhaltend und betonte, dass jede G7-Diskussion über Währungsbewertungen China einbeziehen müsse.
Die chinesische Regierungszeitung „Global Times“ widersprach scharf und warf europäischen Politikern vor, die Wirtschaftsbeziehungen mit China als „systemische Bedrohung“ darzustellen. Die Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Unternehmen beruhe auf einer vollständigen Industriekette, technologischen Investitionen und der Marktgröße – nicht auf Währungsmanipulation. Das Plaza-Abkommen habe das US-Handelsdefizit nie wirklich gelöst, sondern Japans Wirtschaft langfristig geschadet. „Das heutige China ist mit dem Japan von damals in Bezug auf Wirtschaftsgröße, Markttiefe und politische Autonomie nicht vergleichbar und wird externem Druck in Währungsfragen nicht nachgeben“, so die Zeitung.
Kommentatoren sehen in Merz‘ Äußerungen vor allem wachsende strategische Ängste Europas. Das eigentliche Problem Europas sei nicht der Yuan-Wechselkurs, sondern die Frage, wie man die eigene Wettbewerbsfähigkeit stärken und strukturelle Probleme lösen könne.
Deutsche Industrie in der Krise
Merz ist nicht der erste europäische Politiker mit solchen Forderungen. Bereits im Februar hatte eine französische Regierungsberatungsinstitution eine Abwertung des Euro gegenüber dem Yuan um 20 bis 30 Prozent ins Spiel gebracht.
Analysten sehen in Merz‘ Vorstoß eine Verschärfung der Spannungen in den Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und Europa. Doch wie die „Global Times“ schrieb: „Die Welt braucht kein neues ‚Plaza-Abkommen‘“. In einer globalisierten Wirtschaft dürfte das alte Rezept der Wechselkurspolitik zur Lösung von Handelsungleichgewichten kaum noch wirken.