Deutschland könnte größtes Kriegsschiffprojekt seiner Nachkriegsgeschichte aufgeben
Fregattenprojekt F126 steht vor dem Aus
Berlin. Die Bundesregierung plant offenbar, ein 12,8 Milliarden Euro schweres Kriegsschiffprojekt zu stoppen. Das berichten der Spiegel und die britische Financial Times. Ursprünglich sollten im Rahmen des Vorhabens sechs Fregatten der Klasse F126 gebaut werden – die größten Kriegsschiffe der deutschen Marine seit dem Zweiten Weltkrieg. Nun droht das Projekt zu einem der schwersten Rückschläge in der deutschen Rüstungsbeschaffung der vergangenen Jahre zu werden.
Nach Angaben von zwei mit der Angelegenheit vertrauten Personen informierten Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius und weitere hochrangige Regierungsvertreter am 23. Juni Branchenvertreter und führende Abgeordnete über die geplante Entscheidung. Demnach sollen die sechs ursprünglich vorgesehenen Fregatten der Klasse F126 gestrichen werden. Stattdessen will Berlin offenbar acht kleinere Fregatten des Typs Meko A-200 beschaffen, die vom deutschen Hersteller Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) geliefert werden sollen.
Ein Projekt in der Dauerkrise
Das Fregattenprojekt F126 wurde 2020 gestartet. Der Auftrag sah vor, dass die niederländische Werft Damen Naval sechs Mehrzweckfregatten einer neuen Generation baut. Das erste Schiff sollte ursprünglich 2028 ausgeliefert werden. Seit Projektbeginn häuften sich jedoch die Probleme. Nach Angaben des Spiegel geriet das Vorhaben wegen massiver Verzögerungen und drohender Vertragskündigungen mehrfach in eine Krise.
Zu den konkreten Schwierigkeiten zählen Probleme mit CAD- und PLM-Softwaresystemen, die den Zeitplan verzögerten, mangelnde Abstimmung zwischen den beteiligten Auftragnehmern sowie stetig steigende Kosten. Weil bestimmte Bauabschnitte nicht fristgerecht abgeschlossen wurden, setzte das Bundesverteidigungsministerium zeitweise Zahlungen aus. Bislang sind bereits mehr als zwei Milliarden Euro in das Projekt geflossen.
Um das Vorhaben doch noch zu retten, hatte der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall angeboten, als neuer Generalunternehmer einzusteigen und die verbleibenden Arbeiten für knapp 13 Milliarden Euro abzuschließen. Pistorius entschied sich Berichten zufolge dennoch dafür, das Projekt zu beenden.
Wechsel zu einer kleineren und günstigeren Alternative
Nach dem neuen Plan soll die Bundeswehr acht Fregatten des Typs Meko A-200 beschaffen. Bereits im März hatte der Haushaltsausschuss des Bundestags 240 Millionen Euro für den Kauf von vier Meko-Fregatten als Übergangslösung bewilligt. Die nun geplante Ausweitung auf acht Schiffe markiert eine deutliche Kursänderung in der Beschaffungsstrategie der Marine.
Der Bundestag hatte zuvor Mittel in Höhe von rund 7,8 Milliarden Euro für ein alternatives Schiffbauprojekt freigegeben. Im Bundeshaushalt 2026 und im Sondervermögen Bundeswehr wurden dafür bereits entsprechende Anpassungen vorgenommen. Demnach können 2026 aus dem Sondervermögen 724,7 Millionen Euro für eine Ersatzplattform bereitgestellt werden, 2027 weitere 878,2 Millionen Euro. Ab 2028 soll die Finanzierung aus dem regulären Haushalt erfolgen. Bis 2033 sind dafür Ausgaben von rund 6,2 Milliarden Euro vorgesehen.
Schwerer Schlag für die Rüstungsindustrie
Für Rheinmetall wäre die Entscheidung ein empfindlicher Rückschlag. Der Konzern hatte damit gerechnet, als Generalunternehmer die Verantwortung für das 12,8 Milliarden Euro schwere F126-Projekt zu übernehmen. Eine Streichung des Vorhabens würde nicht nur den Verlust eines Großauftrags bedeuten, sondern auch die maritimen Ambitionen des deutschen Rüstungskonzerns spürbar dämpfen.
Abgeordnete der CDU hatten bereits zuvor gefordert, den Bau der F126-Fregatten vollständig auszusetzen. Sie verwiesen auf erhebliche Terminverzögerungen, unzureichende Koordination zwischen den Auftragnehmern und weiter steigende Kosten. Nach Informationen des Spiegel hat Pistorius inzwischen die Unterstützung der Marineführung für seinen Kurs gewonnen. Eine endgültige Entscheidung hängt jedoch weiterhin von den laufenden Gesprächen zwischen Damen Naval, dem Bundesverteidigungsministerium und der NVL Group ab. Diese Verhandlungen sollen in den kommenden Monaten fortgesetzt werden.
Die Zeit drängt
Die deutsche Marine steht unter erheblichem Zeitdruck. Viele ihrer vorhandenen Schiffe altern, während neue Einheiten noch lange nicht einsatzbereit sind. Selbst bei einem Wechsel zur Meko A-200 wäre die Auslieferung des ersten Schiffes voraussichtlich erst 2029 zu erwarten.
Analysten warnen, ein Aus für das F126-Projekt könnte als einer der größten Fehlschläge in der Geschichte der deutschen Rüstungsbeschaffung gelten. Die Modernisierung der deutschen Marine steht damit vor einer außergewöhnlich schwierigen Bewährungsprobe.